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Ingenieure: Brücken-Prüfung überdenken

Nach dem verheerenden Einsturz einer Autobahnbrücke in Genua fordern Experten und Wirtschaftsvertreter in Deutschland ein Umdenken bei der Prüfung von Straßenbrücken.

Zu einem bedrückenden Ergebnis kam nun eine Studie, aus der die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen zitiert: 15 Prozent der Autobahnbrücken im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands sind „schwer geschädigt und somit dringend sanierungsbedürftig“. Gerade vor dem Hintergrund der Brückenkatastrophe von Genua, bei der am 14. August 2018 43 Menschen beim Einsturz der Morandi-Brücke ums Leben kamen, wirken diese Zahlen beängstigend.

Keine Panik, aber Dringlichkeit geboten

Die Statistik aus NRW ist beunruhigend, sollte aber keine Panik auslösen. „Wir haben in Deutschland eines der strengsten Überwachungssysteme, verbunden mit Qualitätssicherung“, sagte Manfred Curbach, Leiter des Instituts für Massivbau an der TU Dresden, dem Mitteldeutschen Rundfunk. Dies bestätigt auch die Ingenieurskammer, schließlich werde jede Autobahnbrücke alle drei Jahre einfach und alle sechs Jahre intensiv geprüft. Auch wenn Sanierungsbedarf festgestellt würde, sei die Standfestigkeit weiterhin gewährleistet. Nicht standfeste Brücken würden umgehend gesperrt, informiert die Bundesanstalt für Straßenwesen.

Trotzdem fordern die Ingenieure ein Umdenken bei der Brücken-Prüfung in Deutschland: Der Dreijahresrhythmus bei den Überprüfungen sei keine rechtliche Verpflichtung für die Betreiber, sondern lediglich eine Empfehlung. Zwar werde diese bei Autobahnbrücken weitestgehend eingehalten, auf kommunaler Ebene aber hänge dies meist von der Finanzkraft der jeweiligen Stadt oder Gemeinde ab.

Wird zu langsam saniert?

Darüber hinaus führt die Ingenieurskammer einen weiteren Punkt an: In Deutschland werde zu wenig in die Infrastruktur investiert und Bauvorhaben seien bürokratisch verlangsamt. So sei es bei der Sanierung immer noch erste Devise, möglichst wenig Geld auszugeben. „Mit dem zentralen Vergabekriterium des niedrigsten Preises sind zusätzliche Risiken, insbesondere bei der Ertüchtigung von Brücken, vorprogrammiert. Das ist ein weiterer nicht hinzunehmender Unsicherheitsfaktor, der gerne ignoriert wird“, so Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW. Daneben gebe es das Problem, dass Sanierungen zu lange in der Planungsphase stecken würden. Dafür machen die Ingenieure zunehmend auch Kapazitätsgrenzen der planenden Ingenieurbüros und ausführenden Unternehmen verantwortlich.

Dass diese Prozesse nicht schnell genug verlaufen, glaubt auch der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB). „In Deutschland stehen ausreichend Gelder zur Verfügung. Aber wir brauchen zu lange, um die Gelder auch für Neubau bzw. Sanierung einzusetzen“, ist HDB-Präsident Dipl.-Ing. Peter Hübner überzeugt. Er plädiert vor allem dafür, Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Zwar begrüße sein Verband das vom Bundeskabinett verabschiedete Planungsbeschleunigungsgesetz, doch gebe es hier noch viel mehr Spielraum für eine effizientere Infrastruktursanierung.

„Ersatzneubauten für Brücken werden meist nicht exakt an der Stelle errichtet, an dem das alte Bauwerk steht. Zudem erfolgt oft eine Erweiterung um zusätzliche Fahrspuren. Nach bisherigem Recht wäre also eine zeitraubende Planfeststellung erforderlich. Um die schnellere Plangenehmigung anwenden zu können, sollten Ersatzneubauten von Straßenbrücken grundsätzlich nicht als Neubau, sondern als Instandsetzung aufgefasst werden. Der Vergabeprozess muss so gestaltet werden, dass die Vergabebehörden die Plangenehmigung auch rechtssicher einsetzen können. Das würde uns im Vergleich mit der Planfeststellung einen erheblichen Zeitvorteil bringen“, erläuterte Hübner.

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